"Ich habe mein Gesicht im Internet
verloren!"
In der letzten Zeit mehren sich die Berichte von Leuten, die im
Facebook ihr Gesicht verloren haben. Man las zum Bleistift von
depressiven Menschen, denen aufgrund von Fotos auf sozialen Netzen die
Kranken-Unterstützung entzogen wurde - weil sie auf dem Foto lächelten.
Lehrer die keinen Job bekommen, weil Fotos von einer wilden Party im Sozial-Netz kursieren und die so zu einer traurigen und unfreiwilligen Berühmtheit wurden.
Menschen, die ihren Job verlieren, weil sie unbedachte Äußerungen über
Vorgesetzte oder ihre Firma machten und das der ganzen Web-Weiten-Welt
präsentiert wurde, ohne dass sie sich dessen bewusst waren finden sich da genauso wie Jugendliche die über eine Anzahl negativer Kommentare ihrer vermeintlichen Freunde Selbstmord begehen.
Und
man fragt sich endlich einmal willkürlich:
Bringen uns Soziale Netze wirklich
näher?
Sind
diese Freunde wirklich Freunde? Kann ich mit all diesen Gesichtern
überhaupt befreundet sein? Sind die Leute im Facebook wirklich die
Leute? Oder sind sie nur die Gesichter von Leuten? Ist das Face-Dings
nicht nur ein Pontemkinsches Dorf - allso ein Facade-Book? Oder ist es
ein Farce-Book? Ist Facebook wirklich Stasi auf freiwilliger Basis?
Sind Soziale Netzwerke wirklich Sozial? Werden wir wirklich verbunden,
vernetzt oder eher eingesponnen? Sind wir alle gläserne Menschen? Wollen
wir gläserne Menschen sein? Ist das Gesichter-Sammel-Album ein
Informations-Sammelsurium aus dem mich Leute wahllos herausfischen
können, mit denen ich nichts zu tun haben will? Ist es ein
Präsentierteller für menschliche Qualität, oder ein Vergrößerungsglas
für meine Makel? Ist Farmville Opium für das Volk? Wie kann
ich meine Privatsphäre schützen? Befreunde ich mir Stalker?
Anm.: Ich schreibe Facebook stellvertretend für all die Sozialen
Netze da draußen.
Vor allem müssen
wir uns fragen: "Bin Ich dort Ich?"
In der Antwort auf diese Frage
steckt die Lösung für all die Probleme die sich im Umgang mit Sozialen
Netzen ergeben können. Anders formuliert: "Benutze ich das Netz
verantwortungsvoll, also in einer Form zu der ich stehen kann, oder
lasse ich mich benutzen um zum Gegenstand der Unterhaltung anderer zu
werden?"
Im Grunde genommen sind Soziale
Netzwerke zu einem Mittel zur Selbstbestätigung geworden, während sie
uns als Mittel der Unterhaltung, Präsentation und Kontaktaufnahme
angepriesen werden. Sie liegen im Trend der
"Sofort-Aufmerksamkeits"-Generation. Man präsentiert sich und kann
unmittelbar kommentiert oder bewertet werden. Man sagt, was man gut
findet und findet gleichgesinnte. Die Feedback-Schleife ist möglichst
kurz. Und umso mehr Freunde man sein Eigen nennt, desto wahrscheinlicher
ist es, dass jemand reagiert und die Feedback-Schleife schließt. Und
mit einem Mal scheint nicht mehr die Beziehung selbst im Mittelpunkt zu
stehen, sondern der Nutzen aus der Beziehung - die Selbstbestätigung.
Aber genau das
scheint die Funktion von der modernen Netzwerk-Kultur zu sein, die in
z.B. Facebook Abbildung findet - bestätigung des Selbstbildes durch andere.
Beziehungskiste oder
Blackbox?
Die Tatsache, dass alle Beziehungen als Freundschaft
bezeichnet werden ist zwar positiv, aber leider eine positive Vorgabe.
Ein Mensch hat nicht nur Freunde. Nicht alle Menschen die wir kennen
bewerten wir und bewerten uns gleich.
Nicht mit jedem Spielen wir
Gesellschaftsspiele. Nicht mit jedem unterhalten wir uns darüber was
wir gerade tun. Nicht mit jedem tauschen wir Urlaubsfotos. Nicht jedem
erzählt man welche Musik man hört. Nicht jeder weiß, mit wem wir
befreundet sind, wen wir noch kennen, mit wem wir in welcher Weise auch
immer verbunden sind. Nicht jeder weiß wie wir über Dinge denken,
die jeder andere tut, nur weil wir sie kommentiert haben. Nicht jeder
kennt unser Alter, unsere Religionszugehörigkeit, unseren Lebenslauf,
was wir mögen oder auch welchen Vereinen oder Clubs wir angehören.
All diese Informationen werden uns im realen Alltag nur nach und
nach zugänglich. Wir bilden uns auch nicht beim ersten Treffen ein
Gesamtbild von einer Person. Und das genauso wenig, wie wir bei einem
ersten Treffen unser ganzes Leben ausbreiten würden.
Und doch ist
das das voreingestellte Verhalten unseres Gesichts im Internet. Alles
was an Informationen über uns vorhanden ist, wird bei der ersten
Kontakt-Aufnahme präsentiert. Und mancher präsentiert es ungefiltert
sogar der ganzen Welt.
Unser Verhalten im Internet weicht per
Vorgabe von unserem Verhalten im realen Leben ab. Die Vorgabe macht
Facebook. Und dieses Faktum muß uns bewußt werden. Das ist Sinn und
Zweck der Gesichts-Sammel-Anlage. Man will uns eine Plattform bieten,
durch die wir uns unseren positiv bewerteten Kontakten mitteilen und
präsentieren können.
Und auch
hier spaltet sich die virtuelle von der wirklichen Realität. Es gib
nicht nur Stufen positiv bewerteter Kontakte. Es gibt auch negativ
bewertete Beziehungen zu anderen Individuen. Und diese werden in der
virtuellen Welt nicht berücksichtigt. Denn es gibt nur Freund und
Unbekannt. Was ist mit Menschen, die wir kennen, aber nicht an unseren
engeren Kreis heran lassen wollen?
Vielleicht wollen wir nicht,
dass diese Leute alle unsere Kontakte sehen dürfen, wollen sie aber
nicht aus einem größer gesteckten Rahmen ausschließen. Dafür ist
Facebook nicht gedacht. Das ist eine Wahrheit.
Facebook ist dazu
gedacht den engen Freundeskreis zu pflegen. Und für diese Leute einen
langfristig verfügbaren Kontaktpunkt zu bieten.
Alle anderen
Möglichkeiten sind da, aber noch nicht genug ausgeprägt.
Man muss vielen der Vorgaben nicht folgen! Facebook
bietet die Möglichkeit Gruppen anzulegen - Freundeskreise - und Gruppen
verschiedene Rechte zu erteilen. Ein detailliertes Set an Gruppen
anzulegen, Freunde Gruppen zuzuweisen und den Gruppen Rechte, dauert gut
einige Stunden.
Man muss entscheiden wer die Pinnwand lesen darf,
wer Fotos sehen darf et cetera. Und hier stößt man natürlich an Grenzen
der vorgegebenen Granularität.
Anschließend kann man alle
Informationen gezielt für Freundes-Kreise freigeben. Das bedeutet aber
bei jeder neu erzeugten Information zu überdenken, wer sie einsehen
darf. Und hier stößt man an die Grenzen des Komforts. Und das ist auch
der Grund, warum viele mit den Vorgabe-Verhalten zufrieden sind. Denn
wir wollen uns doch einfach nur unterhalten und nicht denken
müssen.
Erwachsenwerden heißt
Eigenständigkeit
Eigenständigkeit ist die Fähigkeit alleine zu stehen. Facebook
läßt uns aber nicht alleine stehen. Es ist ein Rahmenwerk, in dem wir zu
stehen kommen. Es stützt uns, unterstützt uns. Es nützt uns, aber es
nutzt uns auch. Es ist nicht nur ein Werkzeug für den Nutzer. Es ist
selbst ein Nutzer, der die "Kunden" zu demografischen Werkzeugen macht.
Wir
erleben gerade eine Art interNETionale Pubertät. Die schweren
Jugendjahre vor dem Erwachsenwerden. Wir stecken in einer Phase der
Selbstfindung. Und die Fragen zur Nutzung des sozialer werdenden Netzes
müssten eigentlich lauten:
Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie
will ich mit anderen umgehen? Wie sollen andere mit mir umgehen? Auf
welcher Basis? Nach welchen Regeln? Wie kann ich mich dabei selbst -
mein Selbst - behaupten?
Und Erwachsen zu werden bedeutet sich auf all diese Fragen eine
Antwort geben zu können.
Wer
bin ich? Wer will ich sein? Wie sollen mich andere sehen?
Eines ist sicher. In 10 Jahren will man nicht mehr
der Mensch sein, der man war, als man sein Gesichts-Tagebuch mit Daten
befüllt hat. Und doch, wird man als mit-20'er dann unter Umständen nach
dem beurteilt womit man als unreifer Teenager sein eigenes Abbild im
Netz beschmiert hat. Es ist also zu allen Zeiten wichtig auf sein image
zu achten. Und es wäre die Verantwortung von Eltern, Lehrern und
Netzwerkbetreibern hier Aufklärung und Begleitung zu bieten.
Helden waren früher Idole (was "kleiner Gott"
heißt) denen man nacheifern wollte, die bewundert wurden. Und eine ganze
Schar Helden waren
es, wegen ihrer moralischen Vorbildwirkung. Leute, die man zu Freund
haben wollte, weil sie toll waren.
Heute ist es modern den Helden die Maske vom Gesicht zu reißen
und in ihre Abgründe zu schauen. Man identifiziert sich nicht mehr mit
ihren Qualitäten, sondern ihren Schwachstellen. Das ist ein Trend der
einem suggeriert, dass man sich auch dann auf das Podest stellen kann,
wenn man nicht so gut ist. Man steht auch mit Fehlern gut da. Fehler
sind Gesellschaftsfähig und alles sind Delikte, die einem Kavalier nun
mal passieren - für die man nicht kritisiert werden will, selbst wenn
sie kritikwürdig sind. Man macht sich selbst zum Antihelden - immerhin
ein Held.
Und das entspricht dem Ursprung des Heldentums. Ein griechischer
Held war dem Wort nach ein Halbgott. Und die Griechischen Götter waren
schon nicht die besten Menschen. Keine moralischen Vorbilder. Noch
weniger die Halbgötter.
Man muss sich fragen: Als Held meines eigenen kleinen Kosmos -
Welche Art Held will ich sein? Welche Art Freund will ich sein? Jemand
den meine Freunde gerne anderen vorstellen, oder den sie verleugnen?
Tiefgründig, oder Abgründig? Mit gutem Tiefgang oder schlechtem Abgang?
Wie
wir mit uns selbst umgehen und uns damit selbst präsentieren ist eine
sache der Selbsteinschätzung. Das "Schätzen" kommt von "Schatz". Bin
ich mir etwas Wert? Bin ich mir egal? Andere können mich nur soweit mit
Wertschätzung behandeln - mich also als wertvoll schätzen - wie ich mich
selbst mit Wertschätzung behandle. Warum? Weil sie meinen Wert schätzen
müssen, ehe sie mich wertschätzend behandeln. Sie müssen also erkennen
können, wie viel ich wert bin. Wie können sie das, wenn ich mich selbst
abschätzig behandle? Wir brauchen also Selbstachtung um achtbar zu sein,
sonst werden wir missachtet oder verachtet.
Der alte Spruch: "Zeige mir deine Freunde und ich sage dir, wer
du bist." - gilt in beide Richtungen. Wir müssen besser entscheiden mit
wem wir uns Assoziieren. Und müssen präsentierbarer werden.
Also
für die Präsentation mit gutem Gewissen: "Zeige dich nur von deiner
besten Seite!" - und vor allem: "Sei deine beste Seite".
Wie will ich mit
anderen umgehen? Wie
sollen andere mit mir umgehen?
Beides sollte mit
Achtung, Achtsamkeit und Würde passieren. Also vor allem bewusst,
überlegt und verantwortungsvoll, geradlinig, mit Rückgrat.
Das
Sprichwort "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!" steht
in einer Reihe mit moralischen Aussagen wie "Dein Verhalten sollte
stets so sein, dass man es zur allgemeinen Regel erheben kann.", "Was
ihr wollt, dass euch die Menschen tun, sollt ihr ihnen ebenso tun."
Was
oben über das Einschätzen von uns selbst gesagt wurde gilt hier auch.
Wir schätzen den Wert anderer für uns ab. Und wir behandeln andere
entsprechend dem Wert, den wir ihnen für uns beimessen.
Viele
betrachten nur den Gesamtwert ihres sozialen Netzes und sammeln daher
Kontakte um ein großes Netz zu schaffen. Der Einzel-Kontakt verliert an
Bedeutung. Alle sind Freunde und doch auf Distanz. Dann ist das
Gesichter-Buch nur mehr ein Adressbuch, der einzelne Kontakt nur eine
Nummer. Dann wird sich das auf unseren Umgang mit der Person an der
Sammelstelle unserer Kontakte auch auswirken.
Echte Wertschätzung
und Achtsamkeit hat aber etwas damit zu tun, den anderen so zu
akzeptieren, wie er ist - wie er sich präsentiert. Und wenn wir andere
mindestens auf unsere Stufe heben dann ist es leicht die Würde des
anderen zu wahren. Man zeigt dem anderen welchen Wert man ihm beimisst.
Und wenn man etwas nicht leicht schätzen kann, sollte man ihm ein
Mindestmaß zugestehen. Und das Mindestmaß ist damit bemessen, dass wir
uns ein solches Mindestmaß von anderen wünschen. Im Bibelwort "Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst".
Das wird Abwertung und
Missbrauch verhindern. Hebt man den Anderen hebt man sich selbst.
Auf welcher Basis? Nach welchen Regeln?
Auf
jeder Basis. Nach den Regeln guten Benehmens.
Wie kann ich mich dabei selbst - mein Selbst - behaupten?
Konsequenz